Rede Sr. Seraphine JHV 2011
Rede von Sister Seraphine zur Jahreshauptversammlung 2011 in Leipzig
Es freut mich sehr, heute hier bei Ihnen sein zu können. Zuerst und an vorderster Stelle möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um unserem allmächtigen Gott dafür zu danken, dass er es für uns alle möglich macht, heute hier sein zu können. Des weiteren darf ich den Organisatoren dieser Versammlung danken, dass sie es möglich machten, dass ich heute hier zu Ihnen sprechen kann.
Zum Zweiten möchte ich Sie bitten, herzliche Grüße von den Waisenkindern, deren Erziehungsberechtigten und der gesamten Gemeinde Nyabondo zu empfangen. Ich möchte deren freundliche Grüße gern an Sie alle weitergeben und in deren Namen auch die Wertschätzung für die gute Arbeit übermitteln, welche die Zahnärzte in Afrika, die Paten und Sponsoren sowie alle Wohltätigen leisten und es damit möglich machen, dass Waisenkinder aus Nyabondo und andere benachteiligte Kinder in Kenia Zugang zu Bildung erhalten. Dies ist ein wichtiger Beitrag und eine große Unterstützung. Die Genannten sind daher stolz auf die Bemühungen, die Sie alle leisten.
Kurze Darstellung des “Dentists for Africa”-Waisenprojektes
Das Waisenprojekt in Nyabondo ist ein Gemeinschaftsprojekt des Vereins “Dentists for Africa” und der Franziskanerinnen des St.-Joseph-Ordens.
Das Projekt wird um Nyabondo, einem kleinen Dorf in der Region Nyanza in Kenia, durchgeführt. Diese Region ist am stärksten betroffen von HIV/AIDS, so dass viele Waisenkinder bei ihren Großeltern leben und aufwachsen.
Die meisten dieser Kinder haben wegen der hohen Rate an HIV/AIDS-Erkrankten keine Möglichkeit, Zugang zu Bildung zu erhalten, da ihre verstorbenen Eltern oft alle finanziellen Mittel der Familie für Medikamente ausgegeben haben. Viele dieser Kinder leben daraufhin mit ihren alten Großeltern, die sie in keinerlei Hinsicht unterstützen können.
Die Franziskanerinnen des St.-Joseph-Ordens zogen im Jahr 1997 nach Nyabondo. Kurz nach unserer Ankunft kamen einige Kinder zu uns. Sie empfanden, dass Gott ihre Gebete erhört hatte, indem er uns dort hin sandte.
Unser Einzug in Nyabondo erfolgte nicht aufgrund dieser Waisenkinder, sondern unsere Mission war es, uns um die Kranken im dortigen Krankenhaus zu kümmern. Wir wussten nicht, wie wir diesen Kindern helfen konnten, da es uns nicht möglich war, für ihre Schulgebühren aufzukommen. Sie kamen weiterhin zu uns, ein Kind nach dem anderen, doch wir konnten ihnen nur ein wenig zu essen geben und nicht für ihre Schulgebühren zahlen.
Unsere Gebete wurden erhört, als der Verein “Dentists for Africa” im Krankenhaus von Nyabondo ankam, um dort eine Zahnarztstation zu errichten. Auch sie kamen, um den Kranken zu helfen und nicht primär wegen der Waisenkinder. Dr. Joachim Schinkel, welcher zuerst nach Nyabondo kam, war gerührt ob der traurigen Situation der Waisenkinder und entschied sich dafür, Hilfe anzubieten, indem er an Wohltätige appellierte, diese Waisen zu unterstützen. Das Projekt begann mit vier Waisenkindern am Ende des Jahres 2001. Seitdem ist das Waisenprojekt kontinuierlich gewachsen. In diesem Jahr, in dem wir den 10. Jahrestag des Waisenprojektes feiern, liegt die Zahl der bisher im Programm geförderten Kinder bei 561. Zur Zeit haben wir 503 Kinder, die im Programm gefördert werden und wie folgt in verschiedenen Schulen lernen:
Grundschulen: 263
Weiterführende Schulen: 156
Hochschulen/Universitäten: 76
Berufsausbildung: 8
Von den 503 geförderten Kindern sind 28 HIV-positiv und befinden sich wie folgt in den verschiedenen Phasen des Lernens:
Grundschulen: 12
Weiterführende Schulen: 2
Hochschulen: 14
Wir danken dem Verein besonders für die Unterstützung dieser HIV-positiven Kindern. Sie sind Kinder wie die anderen auch und benötigen genauso Zugang zu Bildung. Bisher hat eines dieser Kindern einen persönlichen Unterstützer. Ich möchte mich besonders herzlich bei den Paten von Sharon bedanken, welche sie trotz ihres Status akzeptieren.
Leider gibt es auch weniger Erfreuliches zu berichten: 58 der 561 geförderten Kinder schlossen nur die weiterführende Schule ab und konnten ihren Bildungsweg hinsichtlich einer Berufsausbildung nicht fortsetzen, da ihre Pateneltern sie nicht weiter unterstützen konnten. Die meisten von ihnen sind nun obdachlos, da sie keine Berufsausbildung absolvieren konnten.
148 von den 503 Kindern, die zur Zeit im Programm eingeschrieben sind, haben keinen persönlichen Paten, können jedoch mit finanziellen Mitteln des Vereins und anderen Wohltätigen gefördert werden.
Die Aufgaben im beschriebenen Programm sind aufgeteilt zwischen den Sponsoren und der kenianischen Koordinatorin. Die Paten schicken Geld, welches für die Schulgebühren, medizinische Versorgung und Schulmaterialien verwendet wird. Die Sponsoren tragen des weiteren die Kosten für das Seminar, die Weihnachtsfeier und die Geschenke. Das Seminar findet einmal im Jahr statt und ist sehr wichtig, da es die älteren Kinder zusammenbringt, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen, denn sie besuchen verschiedene Schulen. Auch lernen sie viel von den Organisatoren. Jedes Jahr werden verschiedene Themen von unterschiedlichen Organisatoren behandelt. Auch die Weihnachtsfeier bringt fast alle der Kinder zusammen.
In diesem Projekt haben wir acht Mitglieder in einem Komitee, welches die Waisenkinder auswählt, die im Programm gefördert werden sollen.
Als Koordinatorin und Ansprechperson vor Ort kümmere ich mich um alle bisher nicht genannten Aufgaben, die ebenso anspruchsvoll sind. Insbesondere koordiniere ich die Angelegenheiten aller Kinder, die in verschiedenen Schulen in unterschiedlichen Bereichen in Kenia verteilt sind.
Ich stelle außerdem die Verbindung zwischen dem Verein “Dentists for Africa”, dem Komitee, den Kindern, deren Erziehungsberechtigten und den Paten in diesem Programm dar.
Meine Aufgaben sind die folgenden:
- Sicherstellen, dass das notwendige Geld rechtzeitig eintrifft
- Schulgebühren für alle Kinder in den verschiedenen Schulen und Hochschulen begleichen
- Schulmaterialien für die Kinder kaufen
- Alle Quittungen sammeln und diese zusammen mit den Briefen und Zeugnissen der Kinder an die Paten schicken
- Die Seminare organisieren und Geschenke für die Kinder mit den besten Leistungen auswählen und bereitstellen
- Die Weihnachtsfeier organisieren und Geschenke für die Kinder bereitstellen
- Treffen oder gemeinsame Mahlzeiten mit den Kindern organisieren, wenn die Paten dies wünschen
- Die Abschlussveranstaltungen der geförderten Kinder besuchen, wenn möglich
- Die Treffen der Erziehungsberechtigten organisieren
- Die Finanzabrechnungen für jeden “Term”, d.h. dreimal jährlich anfertigen und an den Verein senden, um Rechtmäßigkeit zu garantieren
- Außerdem besuche ich die Kinder in ihren Schulen, um ihren Bildungsfortschritt zu beurteilen, wenn es mir zeitlich möglich ist
Bisherige Erfolge
Ich bin stolz, darauf hinweisen zu können, dass wir durch dieses Programm dem Leben dieser Kinder eine Bedeutung geben konnten.
Im letzten Jahr hatten wir drei Schüler, welche als Klassenbeste abschlossen. In diesem Jahr sind es zwei: Sharon Kemunto mit einer Durchschnittsnote von B+ (entspricht ungefähr der Note 2+ im deutschen Notensystem; Anmerkung der Übersetzerin) und Wycliffe Ochieng mit einer Durchschnittsnote von A- (entspricht etwa der Note 1- im deutschen Notensystem; A.d.Ü.). Diese beiden Schüler qualifizierten sich somit, die Universität als reguläre Studenten zu besuchen. Neun weitere Schüler qualifizierten sich für die Universität als Parallelstudenten (ohne Stipendium) und die restlichen für Diplomkurse. Die Leistungen aller unserer Schüler lagen über dem Durchschnitt, was uns sehr ermutigt.
Wie bereits zuvor gesagt, haben wir Veränderung und Bedeutung in die Leben aller dieser Kinder gebracht. Wir konnten diese Kinder formen. Eines der Kinder, Gilbert Otieno, hatte zuvor ein großes Problem mit dem Stehlen, aber geduldig versuchte ich ihn zu formen. Einmal habe ich sogar seinen Onkel und Frau Dr. Christine Bitsch involviert. Zur Zeit ist Gilbert einer der besten Schüler.
Ein weiteres Beispiel ist Erick Omondi Airo. Ich lernte ihn kennen, als er sich nach dem Tod seines Vaters um seine im Krankenhaus liegende Mutter kümmerte. Ich war vor Mitleid gerührt, als ich diesen großen Jungen sah, wie er seine bettlägerige Mutter umsorgte. Nach dem Tod seiner Mutter war Erick wie Mutter und Vater für seine jüngeren Geschwister, allerdings ohne jegliche finanzielle Mittel. Durch die Unterstützung des Vereins ist Erick nun ein professioneller Lehrer und kann daher seine jüngeren Geschwister unterstützen.
Herausforderungen
Höhe der Schulgebühren
Ich bemühe mich um Krisenbewältigung; jetzt, da die hohen Lebensmittelkosten in diesem Jahr auch die Schulgebühren für die Internate in die Höhe treiben. Als ich meine jetzige Reise in Kenia begonnen habe, hatte ich noch nicht die Gebühren für alle Kinder begleichen können. In den meisten Schulen des Bezirkes sind die Gebühren auf bis zu 35.000 Kenia-Schillinge (Ksh) angestiegen, in den “Provisionsschulen” (?) auf bis zu 45.000 Ksh und in den nationalen Schulen auf bis zu 70.000 Ksh. Allein die Kosten für die Schulmaterialien in “Form One” beliefen sich auf 15.000 Ksh, daher sind die Gesamtkosten in der “Form One” auf bis zu 50.000 Ksh in Bezirksschulen, 60.000 Ksh in “Provinzschulen” und 85.000 Ksh in nationalen Schulen angestiegen.
Daher bin ich im Moment in der problematischen Situation, die Ausgaben für die Kinder mit den 35.000 Ksh, welche ich pro Kind erhalte, nicht begleichen zu können.
Ich befinde zur Zeit in einem Dilemma, vor allem, da die armen Erziehungsberechtigten der Kinder leider keine Möglichkeit haben, Geld beizusteuern.
Wenn wir die Kinder von den Internaten nehmen und in Tagesschulen schicken, befürchten wir, dass sie dort scheitern werden. (Dies hängt mit der oft problematischen Situation zusammen, welche die Kinder zu Hause erfahren. Siehe unten. Anmerkung der Übersetzerin.
Bisher habe ich auch noch keine Kinder auf die nationalen Schulen geschickt, selbst wenn sie ihre Examen sehr gut absolviert haben. Zur Zeit lernen zwei Kinder in nationalen Schulen. Ein Mädchen, deren Pateneltern zugestimmt haben, die zusätzlichen Kosten zu übernehmen, und ein anderes Mädchen, welches Unterstützung von ihrer vorherigen Schule erhält, da sie dort als Beste abgeschlossen hat.
Die Lebenserhaltungskosten in Kenia sind aufgrund des Mangels an Nahrungsmitteln drastisch angestiegen. Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mais, Bohnen und Reis sind um mehr als 100 Prozent gestiegen. Im Januar noch kosteten:
50 kg Zucker: 4.000 Ksh nun: 9.000 Ksh
90 kg Mais: 2.400 Ksh nun: 6.000 Ksh
90 kg Bohnen: 4.000 Ksh nun: 7.000 Ksh
Der Mangel an Nahrungsmittel zwang die Schulen, schon im frühen Juli zu schließen. Zu Hause allerdings war für die Kinder auch keine Nahrung vorhanden. Die Situation war am schlimmsten für die Kinder und die Witwen, bis ich eine Bitte an den Verein sandte. Wir erhielten Geld, von welchem wir Mais kaufen und an die Waisenkinder und Witwen verteilen konnten. Herzlichen Dank an den Verein und alle Wohltätigen für die Unterstützung.
Leider sind auch die Preise für Elektrizität, Benzin und Papierwaren stark angestiegen.
Transportkosten
Die Kinder besuchen Schulen, die in der gesamten Region verteilt sind. Manche liegen in entfernten Winkeln der Region Nyanza. Es ist eine Herausforderung, von einer Schule zur nächsten zu gelangen. Manchmal dauert es einen ganzen Tag, eine Schule zu besuchen, da die Straßenverhältnisse besonders in der Regenzeit sehr schlecht sind. Das Waisenprojekt besitzt kein Fahrzeug, so dass ich in den meisten Fällen auf öffentliche Transportmittel angewiesen bin, um die Schulen zu besuchen, was langwierig und ermüdend ist.
Unterkunft
Die Unterkunftsmöglichkeit für diese Kinder bereitet mir Kopfzerbrechen, wann immer sie in den Ferien sind. Manche der Kinder berichten über Feindseligkeit, welche von ihren Erziehungsberechtigten ausgeht. Wenn die Ferien beginnen, möchte die Mehrheit von ihnen mit uns im Konvent leben, was aus Platzmangel nicht möglich ist. Aufgrund dieses gravierenden Problems haben die Franziskanerinnen Land gesucht und sind dabei, Pläne zu erarbeiten, um ein Waisenhaus und eine Schule zu konstruieren. Diese Pläne widmen sich den Problemen der Kinder, indem eine Unterkunft bereitgestellt wird und ein zentraler Ort entsteht, an dem sie zur Schule gehen können. Diese Pläne entsprechen derzeit einem Vorschlag, den es zu besprechen gilt.
Die Bedürftigen
Die Anzahl der Menschen, die um unsere Unterstützung ersuchen, übersteigt unsere Möglichkeiten bei weitem. Kinder kommen zu uns, wenn ihre Eltern dem tödlichen HIV/AIDS erliegen. Zu Beginn dieses Jahres haben wir etwa 100 dieser Kinder identifiziert, allerdings haben wir leider bis heute keine Pateneltern für sie gefunden.
Im Namen der Waisenkinder, Erziehungsberechtigten und aller Menschen in Kenia möchte ich mich sehr herzlich bei den Paten für ihre finanzielle Unterstützung sowie die Ermutigung der Kinder bedanken.
Es bleibt mir nun, “Asante Sana” zu sagen und Sie zu bitten, den Geist des Helfens aufrecht zu erhalten.
Kwaheri.



